Pressetexte

Menschenbilder behaupten: "Jch bin Gotts ander-Er''

LEONBERG – Wie eine Mahnung steht der Oboenton im Kirchenraum, wölbt sich, wandert im Ohr von links nach rechts, steht grell da und windet sich plötzlich im Raum. Irene Mueller hat zu den Menschenbildern der Gebersheimer Malerin Renate Gross eine ganz einfache, nur wenige Töne umfassende und doch eindringliche Klangskulptur geschaffen. Zur Vernissage am Mittwochabend in der Stadtkirche schickt Mueller die Töne in den Raum. So einfach und eindringlich wie die Körperabdrucke der Künstlerin.

Von Friederike Voß

Renate Gross‘ Menschenbilder gehen von der Leiblichkeit, der Leidensfähigkeit, ja Leidensnotwendigkeit aus. Auf Leintüchern prägt sie Abdrücke ihres eigenen Körpers, überarbeitet die Drucke mit Wachs und schwarzer Farbe, wäscht sie aus, beschichtet sie neu. Silhouetten verwischen, gestische Striche lösen das Statische auf, Wachs macht manche Figur durchscheinend, ja beinahe vergänglich. Die schwarze Farbe verleiht anderen Präsenz.

„Person – begossen, betropft, beschichtet“ nennt Renate Gross behäbig ihren Beitrag zum Jahr der Bibel. Das sind alles nicht eben positive Prädikate. Sie deuten Ein- und Übergriffe an, Verletzungen. Spuren eines Prozesses bleiben. Übertragbar auf ein Menschenleben, in das sich die Zeit, Begegnungen, der Tod einschreiben.

Renate Gross schickt den Betrachter in der Stadtkirche auf die Suche. Wer durch den Haupteingang eintritt, trifft gleich auf vier Fahnen, die von der Empore herabhängen. Sie sind die lichtesten unter all den dunklen, bisweilen gar an Totentanzmotive erinnernden Bildnisse. An den Säulen im Schiff und im Chorgestühl begegnen uns diese farblich reduzierten, finsteren Gestalten, die durch Gesten und Haltungen zu uns sprechen. Scheu, selbstbewusst, abwehrend, offen: All das entdeckt man.

 

Doch Achtung, man kann hier durchaus über die Kunst stolpern. In Nischen, im Fenster und auf dem Boden oder einer Treppenstufe begegnen einem lebensgroße und kleine Körper, gedruckt und gezeichnet. Beinahe alle mahnen: Bedenke, dass du Mensch und sterblich bist. Einige aber lassen den Betrachter auch schweben, nehmen seinen Blick auf in leichten, gar elegant tänzerischen Bewegungen. Beinahe nirgendwo findet man individuelle Gesichtszüge. Renate Gross lädt ein, über den Menschen schlechthin nachzudenken. Meditation ist hier eher gefordert denn Kunstbetrachtung.

Die Körperlichkeit gewinnt im sakralen Raum, aber auch durch die Verse des Barockdichters Angelus Silesius Spiritualität. Gross hat mit Angelus Silesius (1624-1677) einen Dichter gewählt, der so selbstbewusst wie vertrauensvoll Gott und Menschen zusammenschweißt. „Jch bin Gotts ander-Er/in mir findt Er allein/Was Jhm in Ewigkeit wird gleich und ähnlich sein“, schreibt der Theologe in seinem „Cherubinischen Wandersmann“ von 1674. Ebenso selbstbewusst verhängt Renate Gross den Korpus des Kreuzes mit einer Bildfahne, legt den Menschen über den menschgewordenen Gott. Das ist eine Provokation.

Bis 16. Juli Stadtkirche Leonberg, Mi und So 14-17 Uhr. 16. Juli, 19 Uhr Finissage mit Künstlergespräch und Kurzfilm „Sechs Sequenzen Körperdruck“. Ab 13. Juli zeigt Renate Gross im Merklinger Steinhaus, ebenfalls zum „Jahr der Bibel“, bis 22. Juli Bilder zur Geburt Christi.

TYPE AND HIT ENTER